Presse: „Wilder Westen in Hunding“

Wilder Westen in Hunding. Zum 18. Goldgräberfest kommen 300 Reiter – Eldorado für Wild-West-Fans, Hobbyisten und Authentiker

von Kristina Pöschl

Hunding. Gut, dass Cowboyhüte so eine breite Krempe haben – darunter konnte man sich zumindest ein bisschen vor dem Regen verstecken. Der warf das Programm des 18. Hundin­ger Goldgräberfestes am Samstag etwas durcheinander. Der Stimmung der Gäste tat dies keinen Abbruch, denn auch im Wilden Westen schien nicht immer die Sonne. Mit Coyboy­stiefeln und Coat war man für jede Witterung gewappnet. Und am Sonntag strahlte die Sonne dafür umso fleißiger.

Bis auf die Knochen nass kam am Samstag Nachmittag eine Gruppe von 30 Reitern beim Fest an. Fünf Stunden lang waren sie mit ihren Pferden von der Spiegelau von der Highlan­der Ranch bis nach Hunding geritten. Dort konnten sich die Tiere ausruhen – neben 300 anderen Pferden, die auf den Wiesen oberhalb Hunding weideten. Einige der Besitzer waren schon eine ganze Woche da und konnten bei bestem Wetter campen. Im Wild-West-Stil natürlich, in Tipis, auf Strohballen um ein Lagerfeuer sitzend. „Vor allem aus der Oberpfalz, Oberbayern und Österreich kommen die Leute zu uns“, erzählt Organisator Andreas Schröck. „In Ostbayern sind wir das größte Treffen dieser Art!“

1987 fand das erste Goldgräberfest im früheren Bergbauort zum ersten Mal statt. Im Mittel­alter wurde in Hunding Erz gefunden, im 18. Jahrhundert erlebte der Bergbau eine Blütezeit. Mit dem Westernfest erinnern die Hundinger Goldgräber rund um Bürgermeister Ferdinand Brandl an die Geschichte des Ortes. Das Fest findet inzwischen alle zwei Jahre statt, in diesem Jahr zum 18. Mal. An die 100 Helfer sind beteiligt, um das Fest auf die Beine zu stellen.

Freitagabend startete das offizielle Programm des Goldgräberfestes. Im Goldbergstadel, im Powderhorn-Saloon und in der Diggers Bar spielten Country-Gruppen. Altbewährte Musiker kamen nach Hunding: Die Mountain String Band, die Smart Coon Pickers, die Honky Tonk Five oder Joe Mills – alle sind von früheren Auftritten schon bestens bekannt. Bis spät in die Nacht hinein wurde mitgetanzt und -gesungen. Böse war das Erwachen am Samstag, strömender Regen drückte auf die Stimmung. Im Sheriff´s Office rotierten die Organisatoren rund um Marshal Andreas Schröck. „Damit sind wir heute beschäftigt“, deutet er auf einen der vielen Helfer, der gerade einen Schubkarren Kies ablädt, um die zunehmend ver­schlammten Wege wieder zu befestigen.

Hartgesottene konnte das nicht davon abhalten, sich den Weg zur Goldwasch-Anlage zu suchen. In einem Wettbewerb ging es darum, in zwanzig Minuten das meiste Gold zu finden. Immer und immer wieder wird die Goldpfanne mit Wasser und Schlamm gefüllt, mit gleich­mäßigen Bewegungen gedreht und wieder Wasser abgegossen. Am Boden der Pfanne setzt sich dann das schwerste Material ab: Wenn man Glück hat, nicht nur Kieselsteine, sondern auch Gold. Für die großen und kleinen Cowboys im Goldrausch gab es Gold- und Silber­münzen zu gewinnen.

Die Bühne am Festgelände musste am Samstag leer bleiben, zu rutschig war der Boden. Die Tanzgruppen zogen einfach um in den Goldbergstadel. Ein Blickfang war eine Truppe Hobbyisten, die Kleidung aus dem 18. und 19. Jahrhundert trug. Sie führte den „Virginian Reel“ auf, einen Gesellschaftstanz für die obere Schicht aus der Bürgerkriegszeit. Beim Grand March, dem Eröffnungstanz, gehen zunächst alle Pärchen aneinander vorbei und grüßen sich. Schon damals ging es natürlich darum, gesehen zu werden.

Und sehen lassen können sie sich: Die prächtigen Outfits aus Tuch, Leinen, reiner Baumwol­le oder Seide sind alle selbst geschneidert. „Wir verwenden nur Stoffe, die auch damals für die Kleidung verwendet wurden. Es ist gar nicht so leicht solche zu bekommen, seit es in Deutschland keine Webereien mehr gibt!“ Die Gruppe legt großen Wert auf Authentizität. Jeder verkörpert eine bestimmte Figur aus einer bestimmten Zeit, da muss alles stimmig sein. Neben einem Sergeant Major aus den Südstaaten sitzt ein Admiral aus den Nordstaa­ten. Während die Damen aus dem 18. Jahrhundert Strohhüte tragen, erkennt man jene aus dem 19. Jahrhundert daran, dass sie Reifröcke tragen. Erstere sind in Begleitung von Herren mit einem Dreispitz auf dem Kopf, zweitere haben Herren im Stadtoutfit mit Zylindern neben sich. Taschenuhren statt Armbanduhren, Monokel statt Brillen, auf das kleinste Detail wird geachtet. Sogar auf die Unterwäsche: „Im 18. Jahrhundert gab es gar keine Unterwäsche. Stattdessen wurde ein Unterkleid getragen, ein sogenanntes Chemise. Darüber kamen dann das Korsett, Hüftpolster, Unterrücke und schließlich erst das Kleid selbst.“ Früher halfen Zofen beim langwierigen Ankleiden, heute müssen die Männer der Damen beim Schnüren und Häkchen-Zumachen herhalten.

Während man bei letzterer Gruppe einen Eindruck davon bekam, wie es bei einem Tanz­abend der höheren Gesellschaft zuging, konnte man sich bei der nächsten Gruppe ungefähr vorstellen, wie es damals in den Saloons zuging: Die Gruppe Abidup aus Lhenice in Tsche­chien zeigte moderne Country-Tänze. Die Gruppe von sechs Pärchen rund um Bürgermei­sterin Maria Kabatova ist bereits zum zweiten Mal in Hunding.

Die Bürgermeister des Landkreises hatten Pech: Sie waren zum Goldwaschen gekommen, das musste aber wegen des schlechten Wetters ausfallen. Stattdessen ließen sie sich eine Brotzeit schmecken, an den Verkaufsständen gab es Tacos, Sengzelten, Würstel und Fleisch vom Grill. Auf dem Festgelände konnte man am Markt zudem Schmuck, Hüte und Kleidung erstehen. Ein Scherenschleifer sorgte an seinem Schleifkarren für scharfe Messer und Scheren, bei der Sattlerei konnte das Pferd ausgestattet werden.

Fester Teil des Goldgräberfestes ist der Festgottesdienst am Sonntag Vormittag, den Countrymusiker musikalisch gestalteten. Zudem wurden – endlich bei strahlendem Sonnen­schein – die Pferde gesegnet. Für Kinder gab es das ganze Wochenende Betreuung, sie konnten sich eine Kriegsbemalung verpassen lassen, Ponyreiten oder Hufeisenwerfen. Und natürlich über das riesige Gelände zwischen Saloons, Pferden und Tipis toben. Cowboy und Indianer spielen macht noch mehr Spaß, wenn auch die Erwachsenen mitspielen.